Argentinien - im Tangofieber

Veröffentlicht auf 10. Juni 2010

Mit dem Rucksack 6 Wochen durch Argentinien, dass war für uns Urlaub vom Boot und eine aussergewöhnliche Bereicherung. Am 14. April 2010 ging es von Salvador über Sao Paulo nach Buenos Aires- die Hauptstadt, der erste Eindruck verblüfft: Wie eine lateinamerikanische Hauptstadt sieht B.A. im Zentrum nicht aus. Man fühlt sich an Südeuropa, aber auch an Paris erinnert; es gibt Plätze mit Denkmälern, Strassencafés, platanengesäumte Strassen, hohe Häuser mit schmiedeeisernen Balkonen aus der Zeit der Jahrhundertwende. Diese Stadt wurde von den europäischen Einwanderern geprägt. Die Architektur mischt Elemente aus allen europäischen Ländern, genauso wie die Speisekarten vieler Restaurants. B.A. ist eine Hafenstadt, die Orientierung ist recht einfach. P1010571

Der Stadtplan ist regelmässig, d.h. die Strassen stossen nach dem klassischen Kolonialstadtplan rechtwinklig aufeinander und schon nach 2 Tagen fühlt man sich in den Strassen zu Hause. Viel kann man zu Fuss besichtigen oder man nimmt die Metro oder einen der 18‘000 lärmenden, stinkenden Autobusse. Am Plaza de Mayo, wo schon immer die wichtigsten politischen Entscheidungen gefällt wurden, liegt die Casa Rosada, der Präsidentenpalast.

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Noch heute trifft sich dort jeden Donnerstag um 15.30 Uhr die bekannte Argentinische Menschenrechtsgruppe die „Madres de Plaza de Mayo“ zur Demonstration. Diese Demonstration hat in der Hochphase der Militärdiktatur begonnen und prangert das Verschwinden ihrer Kinder und Ehegatten an.

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Die einzelnen Stadtviertel ziehen einen mit ihren kulturellen Attraktionen an und wir entdecken jeden Tag neue Sehenswürdigkeiten. San Telmo, das Hafenviertel mit seinem Plaza Dorrego, wo sonntags ein Flohmarkt stattfindet, es wird ge- und verkauft, was nicht niet- und nagelfest ist. Die Plaza und die umgebenden Gassen werden zur Bühne: Zum Teil finden sehr gute Tangoshows statt,

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jeder, der etwas kann oder glaubt etwas zu können, zeigt sich. La Boca, das Viertel liegt an der Mündung des Flusses Riachuelo, der den zweifelhaften Ruhm geniesst, einer der dreckigsten der Welt zu sein. Es ist das alte Hafenviertel und wurde berühmt wegen seiner originellen Häuser. Sie wurden aus Blech erbaut, angeblich aus dem von abgewrackten Schiffen und dann sehr bunt und dick mit Schiffslack bemalt. Hier entstand auch der Tango. P1010669.JPG

Der Tango war die Musik der armen Vorstädter. Die Texte waren rüde und passten in die Atmosphäre der Hafenkneipen und Bordelle. Oft handeln die Lieder von Armut und Verlust, von verlassenen Lieben. 1907 wurde das erste Tango-Tanzturnier in Paris gegeben und wurde so populär. Noch heute lebt Argentinien und Buenos Aires im Tangofieber, wo immer es geht wird getanzt und gespielt. Die Musik gehört zum Leben. Recoleta ist das Viertel der Reichen, von Krise war und ist hier nichts zu spüren, die Geschäfte sind teuer und trotzdem voll mit Kunden. Hier befindet sich auch der berühmte Friedhof, wo unter Anderem das Grab von Eva Peron ist. Palermo, „Palermo Hollywood“ getauftes Viertel, hier entstanden neue Künstler-, Designer und Vergnügungsmeilen und lockt mit unzähligen Restaurants. Auf unserer Rückreise waren wir nochmals 4 Tage in B.A. und kamen rechtzeitig zur 200 Jahresfeier von Argentinien an. Die Stadt stand 5 Tage lang Kopf, nichts ging mehr, der Verkehr stand still. Feiern war angesagt. Unzählige Veranstaltungen rund um die Uhr konnten besucht werden. Konzerte mit bekannten Künstlern, Umzüge und alle Arten von Attraktionen konnten bestaunt werden. Und jetzt hiess es das Land besichtigen. Mit 2.791.810 km2 Fläche ist Argentinien das achtgrösste Land der Erde und damit etwas achtmal so gross wie Deutschland. Mit einer Gesamtbevölkerung von ca. 40 Mio Einwohnern. 14 Einwohner je km2 (zum Vergleich zu Deutschland, wo sich 228 Einwohner auf einen km2 tummeln). Deshalb kann es einem immer wieder passieren, dass man stundenlang wandert und keinen einzigen Menschen trifft. Wir haben uns den Nordwesten wegen der Temperaturen vorgenommen. Im Moment ist hier Herbst und deshalb der Süden und Patagonien viel zu kalt zum rumreisen. Wir hatten immer Temperaturen zwischen 24-28 Grad, nur nachts wurde es in verschiedenen Landesteilen schon mal empfindlich kalt. Wir flogen von B.A. nach Salta. Hier leben noch sehr viele Nachfahren der indianischen Ureinwohner.

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Von hier aus ging’s weiter mit dem Überlandbus. Die Fahrt führte durch atemberaubende Landschaften. Durch enge Täler mit subtropischen, dichtem grün; steil hoch durch die Cuesta del Obisto, statt Pflanzen werden die Felsformationen immer bunter. Die Passhöhe „Piedra de Molino“ liegt auf 3348 m über dem Meeresspiegel, von hier hat man eine wunderbare Aussicht ins Tal und auf die umgebenden Gipfel.P1010587

Im Nationalpark Los Cardones wachsen zu Abertausenden die bis zu 10m hohen

 

 

 

 

 

Kandelaberkakteen und wie Arme P1010589strecken sie ihre Äste in die Lüfte.

 

 

 

 

 

 

 

 

4 Stunden später erreichten wir Cafayate, den Hauptort der Valles Calchquires.P1010590 Der Ort liegt umgeben von den ersten Andengipfel und Weingärten, hier wächst der bekannte und oftmals hochklassige Torrontés-Wein. Ein starker, trockener und dennoch fruchtiger Rebensaft, der auch nach Europa exportiert wird. In der Region gibt es acht grosse Bodegas und es hat uns besonderen Spass bereitet, diese Bodegas zu besichtigen. Weinproben gehörten natürlich dazu und wir lernten einige neue Rebsorten kennen, wie z.B. Malbec oder Tempranillo. Auf einem unserer Spaziergänge hatten wir das besondere Vergnügen von einem älteren Herrn mit Auto gefragt zu werden, ob wir ein Stück in die Berge mitfahren möchten. Was wir sehr begrüssten. Beim Gespräch stellte sich heraus, dass er der Besitzer der Bodega Santo Domingo war und auf ca. 1300 Meter Höhe ein weiteres neues Weingut mit Fabrikation erstellt hat. Hatten wir mal wieder ein Glück, denn er war auch noch so freundlich uns zur Privatbesichtigung und Weinprobe einzuladen. Es gefiel uns hier so unwahrscheinlich gut, dass wir ein paar Tage länger blieben. Und wieder hat der Zufall zugeschlagen. Eines Morgens gingen wir über den Plaza und hörten plötzlich deutsch, dazu gehörte auch noch eine Stimme, die uns sehr bekannt vorkam. Unglaublich aber wahr, an uns vorbei ging Leo, ein deutscher Segler, den wir aus Salvador kennen. Er besuchte seinen Sohn Jens, der mit seinem VW-Bus seit einigen Jahren Südamerika bereist und jetzt auch in Cafayate stopp gemacht haben. Na, die Überraschung war gross- sofort wurde beschlossen am nächsten Tag zusammen eine waghalsige Wanderung zum Wasserfall zu machenP1010606

 

 

 

 

 

 

 

und am Abend Heidi’s Geburstag auf dem Campingplatz mit einer Parrilla (Grill) zu feiern. Die Argentinier lieben Parrilla und wo immer es geht, wird das auch durchgeführt. Überall findet man öffentliche Grillplätze, wo man sich mit der ganzen Verwandtschaft und/oder Freunden trifft und sich dabei einer stundenlangen Völlerei, mit allerlei Fleisch und Wurst hingibt. Neben Kaffee, Bier und Wein, liebt der Argentinier seinen Mate Tee. Mate wird überall getrunken, beim Zuschauen auf dem Sportplatz, am Strand, bei Spaziergängen,P1010689

im Bus, in der Warteschlange, bei der Pause im Büro oder im Laden. Mate ist das Lebenselixier, der Alltags- und Zaubertrank von Millionen von Argentiniern. Der Tee wird mit der Bombilla, einem silbernen Saugröhrchen, das sich unten wie ein Löffel verbreitert und dort auch als Sieb funktioniert, getrunken und jeder läuft mit einer Thermoskanne und seiner Kalebasse, daraus wird der Tee getrunken, herum.P1010664.JPG

 

 

 

 

 

 

 

 

Über Tucuman ging’s mit einer Nachfahrt von 10 Stunden im Überlandbus in einer „Royal Suite“ weiter nach Mendoza. Diese Royal Suiten sind wirklich äussert bequem, mit grossen breiten Sitzen, die zu einem Bett umgebaut werden und so kann man ruhig schlafen oder sich mit Videos, Musik oder TV die Nacht vertreiben. Auch eine Stewardess ist mit im Bus und man erhält zu trinken, Nachtessen und Frühstück. Mendoza ist mit über 1200 Bodegas das grösste Weinanbaugebiet Argentiniens und soweit das Auge reicht sieht man Wein, Wein und nochmals Wein. Weiter ging unsere Route nach Uspallata, einem Wintersportort auf 1799 m Höhe und schon fast an der Grenze zu Chile. Puente del Inca, das auf 2‘700 m liegt, durften wir nicht auslassen. Hier gibt es heisse schwefelhaltige Quellen, die den Stein rötlich-gelb färben.Punta del Inca, hier ist es sehr kalt

Puenta del Inca ist der Ausgangspunkt für eine Besteigung des Aconcagua, den höchsten Berg Amerikas und den höchste Gipfel der Anden mit 6962 m Höhe. Aber da das einzige Hotel die Hosteria Puente del Inca dermassen schlimm war (eiskaltes Zimmer, ungeniessbares Essen und vor allem auch noch überlaunige Bedienung) haben wir diesen Ort am nächsten Tag wieder fluchtartig verlassen. Das nächste Ziel war San Luis und La Pampa, von dort weiter zum kleinen Ferienort El Trapiche direkt am Rio Grande in herrlicher Umgebung am Stausee La Florida. Der Ort war zu diesem Zeitpunkt vollkommen ausgestorben, die Saison war zu Ende. Das hatte aber den Vorteil, dass wir die einzigen Gäste im einzig offenen Hotel waren und wurden dort vom Besitzer „kulinarisch“ verwöhnt, was sich hinterher auch im Preis wieder spiegelte, ha! Da wir uns hier an die schönen Wanderungen gewöhnt hatten, hat uns das Appetit auf noch mehr Natur gemacht. Etwas 180 km nordöstlich von San Luis liegt in der Sierra de Comechigones die Kleinstadt Villa Merlo. Sie ist berühmt für ihr spezielles Mikroklima und der Ort ist bestens als Kurort geeignet. Hier mieteten wir uns eine Cabana (kleines Ferienhaus) und verbrachten dort noch erlebnisreiche Tage mit ausgedehnten Wanderungen. Abends entspannten wir uns im privaten Jacuzzi und geheiztem Swimmingpool.

 

6 Wochen blauer Himmel, Immer blau, immer schön!grandiose Landschaften, sympathische Leute, gutes Essen und exzellenter Wein, wen wundert es da noch, dass uns der Abschied unendlich schwer fiel? Argentinien ist einfach grossartig und wir freuen uns auf die nächsten Entdeckungen, denn irgendwann kommen wir wieder!

Geschrieben von Heidi

Veröffentlicht in #Reiseberichte

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